Das Recht, keine Meinung zu haben.

Unser Hirn ist nach jahrelanger Übung gut trainiert. Kaum sehen wir eine Schlagzeile, kippt auch schon unser Emotionsschalter. Sekundenschnell teilen wir ein in Gut und Böse, Richtig oder Falsch. Zeitgleich steigen Emotionen aus dem Bauch empor, gehen in Stellung, sofort bereit mit brachialer Härte das erstbeste Gefühl in die Tasten zu hauen und als Kommentar zu platzieren. Sowas kann ja nicht unkommentiert stehen gelassen werden. Nein.

Da wird der Name “Mohrenkopf” als Zeichen gegen Rassismus geändert. “Hier wird unsere Kultur zerstört. Pfui.” Da beschliesst der Bundesrat Maskenpflicht im ÖV. “Freiheitsberaubung!” Da sollen gleichgeschlechtliche Paare künftig auch heiraten dürfen. “Hat Gott das gewollt?”

Social Media ist das perfekte Ventil dafür. Wo früher Unmut im Familienkreis oder am Stammtisch zur Sprache kam, wird heute über Facebook und Co. Dampf abgelassen. Untersuchungen zeigen, dass Inhalte häufig geteilt und kommentiert werden, ohne das der Inhalt der Nachricht gelesen oder geschaut wurde. Wozu auch. Gib mir ein Stichwort und ich sage dir, was ich davon halte.

Dabei wird die Erleichterung verkannt, Dinge erstmal einfach auf sich wirken zu lassen.

Da stossen junge Aktivisten Statuen von ihren Sockeln und prangern damit die Glorifizierung von Helden des Geschichtsunterrichts an, die für Kolonialisierung und Rassendiskriminierung stehen. Kaum flimmern die Videoaufnahmen über den Handybildschirm, schon ruft die emotionale Kammer im Hirn: “Und, wie findest du das? Gut oder schlecht?” Offen gestanden: Ich weiss es nicht, kenne nicht alle Fakten, nicht die Beweggründe und alle historischen Details. Gegen den inneren Widerstand entscheide ich mich dazu, vorerst keine Meinung dazu zu haben und das erstmal weder gut noch schlecht zu finden. Nicht bevor ich mich nicht eingehender damit beschäftigt habe.

Da beschreibt eine junge Frau in einem Familien-Blog, wie sie unverhofft schwanger wurde und sich für eine Abtreibung entschied. Kaum veröffentlicht, ballert ihr die Community auch schon in aller Deutlichkeit ihr Entsetzen entgegen. Ein emotionales Thema, klar. Und doch darf aufgrund der differenzierten Erzählung davon ausgegangen werden, dass sich die Autorin intensiv mit diesem Thema auseinander gesetzt hatte und — so schreibt sie — ihr dieser Prozess alles andere als leicht gefallen ist.

Auch ich ertappe mich dabei, meine Haltung zum Thema abzurufen, entscheide mich dann aber dafür, diese Geschichte einfach so anzunehmen. Meine Meinung ist nicht gefragt. Und auch im inneren Dialog braucht es jetzt gerade kein Urteil.

Es scheint, als würden wir einander nicht mehr zuhören. Wir urteilen, verurteilten und verbarrikadieren uns hinter unserem Weltbild. Empathie bedeutet aber, dass wir zuhören und zumindest versuchen zu verstehen, warum andere so denken und handeln.

Es ist nichts einzuwenden gegen ernsthafte Auseinandersetzungen, Debatten, gar Streitgespräche. Aber dann bitte mit offenem Visier, in fairem Ton und mit der Offenheit, sich auch mal von einem Gegenargument überzeugen zu lassen. Und in allen anderen Fällen dürfen wir uns getrost das Recht herausnehmen, erstmal keine Meinung zu haben. Welch eine Freiheit.

Projektleiter Digitale Transformation CH Media, Journalist, Dozent für Social Media & Digital-Strategie